Growth Investing (Wachstumsinvestieren)

G

Gemino Rossi

December 28, 2025



Grundlagen und Zweck

Growth Investing ist eine Strategie, die sich auf die Kapitalwertsteigerung durch die Identifikation von Unternehmen konzentriert, die ein signifikant überdurchschnittliches Wachstum von Umsätzen und Cashflows aufweisen oder erwarten lassen – im Vergleich zum Marktdurchschnitt und der Gesamtwirtschaft.

Im Gegensatz zum traditionellen „Value“-Ansatz, der oft auf eine Rückkehr zum Mittelwert setzt (warten, bis der Markt einen Abwärtspreisfehler korrigiert), sucht Growth Investing die Exponentialität. Der Growth-Investor will keinen Dollar für 50 Cent kaufen; er sucht ein kleines oder mittelgroßes Unternehmen, das durch Innovation oder Marktdisruption in Zukunft zu einem Giganten werden kann.

Das grundlegende Ziel ist es, den Zinseszinseffekt in seiner reinsten Form zu nutzen. Die These lautet: Langfristig folgt der Aktienkurs der Entwicklung der Gewinne (oder Umsätze) des Unternehmens. Wenn ein Unternehmen seine Gewinne in einem Jahrzehnt verzehnfacht (ein „Tenbagger“, nach Peter Lynch), ist die temporäre Expansion oder Kontraktion des Bewertungsmultiplikators irrelevant im Vergleich zur Größe des zugrunde liegenden Wachstums.

Die Mechanik des Wachstumsmotors

Um diese Strategie zu verstehen, muss man aufhören, die Bilanz (was das Unternehmen heute hat) zu betrachten und sich auf die Gewinn- und Verlustrechnung sowie insbesondere auf die Struktur des zukünftigen Marktes konzentrieren.

1. TAM (Total Addressable Market)

Die Decke ist wichtiger als der Boden. Für einen Growth-Investor ist die Größe der Gelegenheit entscheidend. Ein perfektes Unternehmen in einem kleinen Markt hat eine mathematische Grenze. Ein unperfektes Unternehmen in einem riesigen, aufstrebenden Markt (wie E-Commerce 1999 oder Cloud 2010) hat eine immense Startbahn (Runway). Die Analyse muss beantworten: Wie viel kann dieses Unternehmen wachsen, bevor es seinen Markt sättigt?

2. Operative Hebelwirkung (Operating Leverage)

Dies ist der „Heilige Gral“ des Growth Investing. Sie tritt ein, wenn Umsätze schneller wachsen als Kosten.

  • Anfangsphase: Das Unternehmen gibt viel für F&E und Marketing aus, um Kunden zu gewinnen. Es verliert Geld.

  • Skalierungsphase: Die Kosten stabilisieren sich (die Software ist bereits programmiert), aber die Umsätze fließen mit jedem neuen Kunden weiter.

  • Ergebnis: Jeder zusätzliche Umsatz-Dollar wird fast vollständig zu reinem Gewinn. Den Moment kurz vor der Aktivierung der operativen Hebelwirkung zu erkennen, ist der Ort, an dem in dieser Strategie die größten Vermögen gemacht werden.

3. Preissetzungsmacht und Wettbewerbsvorteil

Wachstum ohne Graben (Moat) ist vergänglich. Damit Wachstum nachhaltig ist, muss das Unternehmen ein „Must-Have“-Produkt haben. Wenn das Unternehmen Preise erhöhen kann, ohne Kunden zu verlieren (Pricing Power), kommt das Wachstum nicht nur aus mehr verkauften Einheiten, sondern aus teureren Einheiten – doppeltes Compounding.

Die Wachstumsfalle: Wenn Wachstum Wert zerstört

Es ist unerlässlich, den kritischen Unterschied anzusprechen, der den sophistizierten Investor vom naiven Spekulanten trennt. Es gibt den Irrglauben, dass „Wachstum immer gut ist“. Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein.

Wie Warren Buffett luzide warnte:

"Wachstum ist einfach eine Komponente – meist positiv, manchmal negativ – in der Wertgleichung."

Growth can destroy value if it requires cash inputs in the early years of a project or enterprise that exceed the discounted value of the cash that those assets will generate in later years. [...] Growth is simply a component - usually a plus, sometimes a minus - in the value equation.

Warren Buffett

Und er fügt den entscheidenden Satz hinzu: "Wachstum kann Wert zerstören, wenn es in den frühen Jahren Kapitalzufuhren erfordert, die den diskontierten Wert des Kapitals übersteigen, das diese Assets später generieren werden."

Dies führt uns zur entscheidenden Unterscheidung zwischen Wertschaffendem Wachstum und Unrentablem Wachstum (Profitless Prosperity):

  • Unit Economics: Der Investor muss unter die Haube schauen. Wie viel kostet es, einen Kunden zu gewinnen (CAC) und wie viel Wert generiert dieser Kunde über seine Lebensdauer (LTV)?

    • Szenario A: Es kostet mich 10 €, einen Kunden zu gewinnen, der mir 50 € Gewinn bringt. -> Wachstum ist herrlich. Je schneller es wächst, desto mehr Wert schaffe ich.

    • Szenario B: Es kostet mich 10 €, einen Kunden zu gewinnen, der mir 8 € Gewinn bringt. -> Wachstum ist selbstmörderisch. Je schneller das Unternehmen wächst, desto schneller geht es pleite. Es verkauft Dollar-Scheine für 90 Cent. Volumen löst kein kaputtes Geschäftsmodell.

Viele „Growth“-Investoren verlieren ihr gesamtes Kapital, weil sie Umsatzwachstum mit wirtschaftlicher Wertschöpfung verwechseln.

Spezifische Metriken für Growth Investing

Da viele Wachstumsunternehmen (besonders in frühen Phasen) keine Nettogewinne haben (P/E ist nutzlos), werden andere Navigationswerkzeuge verwendet:

  • PEG-Ratio (Price/Earnings to Growth): Von Peter Lynch popularisiert. Teilt das KGV durch die jährliche Wachstumsrate. Ein PEG von 1,0 gilt als „fairer Wert“. Ermöglicht den Vergleich eines teuren, schnell wachsenden Unternehmens mit einem billigen, nicht wachsenden.

  • Rule of 40: Sehr verbreitet in Software (SaaS). Addiert % Umsatzwachstum + % Gewinnmarge (oder EBITDA). Liegt die Summe über 40, ist das Unternehmen elitär, unabhängig davon, ob es gerade Wachstum oder Profitabilität priorisiert.

  • Churn Rate: Der stille Killer. Wenn ein Unternehmen 50 % durch Neukunden wächst, aber 30 % der Bestandskunden verliert, ist das Nettowachstum schmerzhaft und teuer. Niedriger Churn zeigt Produktqualität.

Typologie von Growth-Unternehmen

Nicht alles Wachstum ist gleich. Fisher und Lynch kategorisierten diese Unternehmen, um ihre Risiken zu verstehen:

  1. Stalwarts (Solide Riesen): Reife Unternehmen, die noch über dem BIP wachsen (10-12 % jährlich). Sie machen dich nicht über Nacht reich, bieten aber Schutz und stetiges Wachstum (z. B. Visa, Microsoft im letzten Jahrzehnt).

  2. Fast Growers (Gazellen): Kleine, aggressive Unternehmen, die 20-30 % oder mehr wachsen. Hier liegt maximales Risiko und maximale Belohnung. Sie sind volatil und zerbrechlich.

  3. Turnarounds: Unternehmen, die aufhörten zu wachsen und sich neu erfanden. Wenn die Turnaround-These funktioniert, reagiert der Markt gewaltsam nach oben.

Psychologie und Risikomanagement

Growth Investing erfordert eine andere psychologische Konstitution als Value Investing.

Volatilität als Maut

Wachstumsaktien sind „langfristige“ Assets (ihre wichtigen Cashflows liegen weit in der Zukunft). Das macht sie hypersensibel gegenüber Zinsen. Steigen die Zinsen, fällt der Barwert dieser zukünftigen Flows drastisch. Der Growth-Investor muss 30 %, 40 % oder 50 % Kursverluste ertragen, ohne in Panik zu geraten – solange die fundamentale These (Umsätze, Adoption, Margen) intakt bleibt.

Das Risiko „Priced for Perfection“

Wenn eine Aktie bei 50-mal Umsatz handelt, diskontiert der Markt eine brillante Zukunft. Meldet das Unternehmen 25 % Wachstum, wo 30 % erwartet wurden, kann die Aktie 20 % an einem Tag einbrechen. Es gibt keine traditionelle Sicherheitsmarge in der Bewertung; die Sicherheitsmarge muss aus überlegener Geschäftsqualität und Marktdominanz kommen.

Wissen, wann man verkauft

Bei Growth lässt man Gewinner laufen (Let your winners run). Amazon oder Netflix 2012 zu verkaufen, weil sie „teuer wirkten“, war einer der teuersten Fehler der Geschichte. Bei Growth verkauft man nur, wenn:

  1. Die Wachstumsthese gebrochen ist (Marktsättigung oder überlegene Konkurrenz).

  2. Die Unit Economics sich verschlechtern.

  3. Das Management die Strategie ohne Begründung ändert.

Das endgültige Urteil: Die Konvergenz

Zurück zur anfänglichen Reflexion: Growth Investing ist nicht das Gegenteil von Value Investing; es ist dessen dynamischere und schwerer berechenbare Version.

Es erfordert mehr Vorstellungskraft und Projektionsfähigkeit als die Analyse statischer Bilanzen. Es verlangt das Verständnis von Konsumentenverhalten, technologischen Trends und der Skalierbarkeit von Geschäftsmodellen.

Der erfolgreiche Growth-Investor ist nicht der, der blind der „nächsten großen Sache“ (Hype) nachjagt, sondern der, der Unternehmen mit dauerhaften Wettbewerbsvorteilen identifiziert, die gerade erst beginnen, ihr Potenzial zu monetisieren. Es ist die Suche nach der ultimativen Compounding-Maschine – mit dem Verständnis, dass es manchmal der günstigste Weg ist, heute ein hohes KGV zu zahlen, um die massiven Cashflows von morgen zu besitzen.