Value Investing (Wertorientiertes Investieren)

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Gemino Rossi

December 28, 2025



Grundlagen und Zweck

Value Investing ist die am meisten verehrte und gleichzeitig am meisten missverstandene Anlagestrategie der Finanzgeschichte. Entstanden in den Hörsälen der Columbia University in den 1920er Jahren unter der Leitung von Benjamin Graham und David Dodd, und später von Warren Buffett perfektioniert, basiert diese Philosophie auf einer täuschend einfachen Prämisse: Assets für weniger kaufen, als sie wirklich wert sind.

Der Zweck des Value Investing besteht nicht darin, "billige Unternehmen" zu kaufen, sondern Markineffizienzen auszunutzen. Es gründet auf der kritischen Unterscheidung zwischen Preis (was du zahlst) und Wert (was du bekommst). Der Value-Investor agiert als Schiedsrichter der Realität und nutzt Momente, in denen der Markt, beherrscht von Angst oder Apathie, einen Dollar für fünfzig Cent anbietet.

Im Gegensatz zur Spekulation, die sich auf die Vorhersage kurzfristiger Chartbewegungen konzentriert, fokussiert sich Value Investing auf die fundamentale Analyse des zugrunde liegenden Geschäfts und sieht sich nicht als Käufer von Lottoscheinen (Aktien), sondern als Miteigentümer eines realen Unternehmens.

Die große Lüge: Value vs. Growth

Bevor wir in die Mechanik eintauchen, ist es entscheidend, eine konzeptionelle Mauer einzureißen, die die meisten Neuinvestoren und viele Profis verwirrt: der angebliche Kampf zwischen "Value" (Wert) und "Growth" (Wachstum).

In der mainstream-Erzählung werden "Value" niedrig wachsenden Unternehmen, schweren Industrien und niedrigen Multiplen (KGV von 5x-10x) zugeordnet, während "Growth" für Tech-Unternehmen und Disruptoren mit hohen Multiplen reserviert ist. Diese Unterscheidung ist weitgehend absurd.

Most analysts feel they must choose between two approaches customarily thought to be in opposition: "value" and "growth." [...] the two approaches are joined at the hip: Growth is always a component in the calculation of value

Warren Buffett

Wie Warren Buffett treffend bemerkte:

"Wachstum und Wert sind untrennbar verbunden. Wachstum ist immer ein Bestandteil der Wertberechnung."

Der wahre Value-Investor strebt danach, risikobereinigte Renditen zu maximieren. Wenn ein Small-Cap-Unternehmen bei einem KGV von 5x gehandelt wird, aber seine Gewinne jährlich um 20 % steigert, erlebt es einen doppelten Schub: organisches Gewinnwachstum und Multiple-Expansion (z. B. auf 12x), sobald der Markt die Qualität erkennt. Wenn dieses Unternehmen in drei Jahren eine Rendite von 240 % erzielt, war es eine "Value"- oder "Growth"-Investition? Das Label ist irrelevant; es war eine intelligente Investition.

Ähnlich werden traditionell als "Growth" eingestufte Unternehmen zu "Value"-Gelegenheiten, wenn der Markt sie irrational bestraft:

  • Apple (2016-2017): Während Wall Street es als rückläufiges Hardware-Unternehmen behandelte, bei ~90 $ gehandelt, hatte das Unternehmen netto Bargeld pro Aktie von 27–30 $. Abzüglich des Bargelds zahlte der Investor ein lächerlich niedriges Multiple für eines der besten Geschäfte der Welt. Warren Buffett kaufte Apple nicht als spekulative Tech-Wette; er kaufte es, weil es ein klassisches Value-Schnäppchen war.

  • Meta (2022): Als der Kurs einbrach und die Aktie bei 10-15x Gewinn gehandelt wurde aufgrund von Angst vor Metaverse-Ausgaben, hörte sie auf, eine teure "Growth-Aktie" zu sein und wurde zu einer tiefen Value-Gelegenheit mit massiver Sicherheitsmarge.

Wahres Value Investing diskriminiert nicht nach Sektor; es diskriminiert nach dem Preis-Wert-Verhältnis.

Komponenten und Säulen der Strategie

Die Architektur des Value Investing ruht auf drei unverrückbaren Säulen, die als Schutz vor Volatilität dienen.

1. Sicherheitsmarge (Margin of Safety)

Es ist das Ingenieurkonzept auf Finanzen angewendet. Wenn du eine Brücke für 10-Tonnen-LKWs baust, konstruierst du sie für 30 Tonnen. Beim Investieren: Wenn du berechnest, dass ein Unternehmen 100 € wert ist, kaufst du nicht bei 95 €; du kaufst bei 60 € oder 70 €. Dieser Unterschied ist deine Fehlermarge. Sie schützt vor Fehlern in der Berechnung, Pech oder unvorhergesehenen Wirtschaftskrisen.

2. Mr. Market

Graham personifizierte den Markt als manisch-depressiven Partner namens "Mr. Market". Jeden Tag bietet Mr. Market an, deinen Anteil zu kaufen oder dir seinen zu einem anderen Preis zu verkaufen.

  • Im euphorischen Zustand verlangt er absurde Preise (Blasen).

  • Im depressiven Zustand verschenkt er seine Aktien aus Panik. Der Value-Investor versteht, dass der Markt da ist, um ihm zu dienen, nicht um ihn zu leiten. Volatilität ist kein Risiko; sie ist Chance.

3. Innerer Wert (Intrinsic Value)

Es ist der Barwert aller zukünftigen Cashflows, die das Asset generieren wird. Obwohl es eine geschätzte und subjektive Zahl ist, ist es der Nordstern des Investors.

Mechanik und Typen des Value Investing

Nicht alle Value-Investoren arbeiten gleich. Es gibt unterschiedliche Nuancen bei der Schatzsuche:

Deep Value (Cigar Butts)

Grahams originaler Stil. Es geht darum, mittelmäßige oder problembehaftete Unternehmen zu suchen, die so billig gehandelt werden (sogar unter Liquidationswert oder Net-Net), dass es fast unmöglich ist, Geld zu verlieren. Wie das Finden einer Zigarrenkippe auf dem Boden: schmutzig und unangenehm, aber mit einem letzten kostenlosen Zug.

  • Risiko: Das Unternehmen kann pleitegehen oder eine ewige "Value Trap" sein.

Quality Value (Compounders)

Die Evolution von Buffett und Charlie Munger. "Es ist besser, ein wunderbares Unternehmen zu einem fairen Preis zu kaufen als ein faires Unternehmen zu einem wunderbaren Preis." Hier sucht der Investor breite wirtschaftliche Gräben (Moats), hohe Rendite auf das eingesetzte Kapital (ROIC) und Reinvestitionsfähigkeit. Der "Wert" liegt in der Fähigkeit des Unternehmens, Kapital über Jahrzehnte zu hohen Raten zu compoundieren. Alphabet bei einem KGV von 18x zu kaufen kann mehr "Value" sein als eine pleitegehende Airline bei 4x.

Spezielle Situationen (Arbitrage)

Investitionen, die von einem spezifischen Unternehmensereignis abhängen statt von langfristigen Gewinnen: Fusionen, Spin-offs, Restrukturierungen oder Liquidationen. Der Wert wird freigesetzt, wenn das Katalysator-Ereignis eintritt.

Methodische Kritik und psychologische Herausforderungen

Wenn Value Investing so logisch ist, warum ist nicht jeder reich? Weil es psychologisch brutal und methodisch anspruchsvoll ist.

Die Einsamkeit des Konträren

Um andere Ergebnisse als die Mehrheit zu erzielen, muss man andere Dinge tun. Das bedeutet, kaufen, wenn die Nachrichten schrecklich sind (Bankenkrisen, Kriege, Rezessionen) und verkaufen, wenn die Nachbarn mit dem neuesten Trend reich werden (NFTs, Meme-Aktien). Der Mensch ist ein soziales Tier; gegen den Strom zu schwimmen verursacht echten physischen Schmerz im Gehirn.

Die Value Trap

Eine Aktie, die billig aussieht, kann aus gutem Grund billig sein. Ein Unternehmen, dessen Geschäft technologisch veraltet (z. B. Kodak oder Blockbuster in ihren letzten Tagen), wird immer ein niedriges KGV haben, bevor es stirbt. Der Investor muss zwischen temporärem Problem (Chance) und strukturellem Problem (Falle) unterscheiden.

Vorübergehende Underperformance

Jahre (sogar ein Jahrzehnt) können vergehen, in denen Value gegenüber spekulativen Growth unterperformt. Während der Dotcom-Blase wurde Buffett verspottet, weil er keine Tech-Aktien kaufte. Disziplin zu halten, während man vor der Welt wie ein Idiot dasteht, erfordert stählernen Überzeugung.

Häufige Fragen und Anpassungen für den Investor

Ist Value Investing nur das Kaufen niedriger KGVs?

Auf keinen Fall. Ein niedriges KGV kann ein Signal sein, aber nicht die These. Ein zyklisches Unternehmen (wie ein Bergbauunternehmen) hat oft ein sehr niedriges KGV kurz bevor die Gewinne einbrechen. Umgekehrt kann ein hoch wachsendes Unternehmen ein KGV von 30x haben und unterbewertet sein, wenn es die Gewinne in drei Jahren verdreifacht.

Wie erkennt man den "Wendepunkt"?

Value-Investoren steigen oft "zu früh" ein. Du kaufst eine Aktie bei 50 €, denkst sie ist 100 € wert, und sie fällt auf 40 €. Das ist normal. Wir versuchen nicht, den Boden zu timen, sondern sicherzustellen, dass der gezahlte Preis langfristigen Schutz bietet.

Funktioniert es noch im Zeitalter von Algorithmen und KI?

Ja, weil Algorithmen auf Daten und Geschwindigkeit basieren, aber oft das Urteilsvermögen über Geschäftqualität oder menschlichen Kontext fehlt. Zudem haben sich menschliche Angst und Gier (die Treiber von Preis-Ineffizienzen) in 2000 Jahren nicht geändert.

Das endgültige Urteil: Pragmatismus statt Dogmatismus

Die semantische Debatte darüber, was "Value" und was "Growth" ist, ist ein Zeitvertreib für theoretische Akademiker, nicht für praktische Investoren.

Du solltest die Value-Investing-Mentalität übernehmen, wenn:

  • Du verstehst, dass Aktien anteilmäßiger Besitz an realen Unternehmen sind.

  • Dir die Rendite deines Kapitals wichtiger ist als soziale Anerkennung durch den Besitz "trendiger" Aktien.

  • Du die Geduld hast, Gras wachsen zu sehen, und den Magen, zu kaufen, wenn Blut auf den Straßen fließt.

Am Ende des Tages ist das Label unwichtig. Wichtig ist nur, ob unsere Analyse es uns ermöglicht hat, einen diskontierten zukünftigen Cashflow zu kaufen. Der wahre Value-Investor ist label-agnostisch: Er kauft High-Growth-Tech, wenn der Preis stimmt, und eine Ziegelfabrik, wenn der Preis stimmt.

Die gewinnende Strategie ist nicht die, die blind einem Lehrbuch folgt, sondern die versteht, dass Geld beim Kauf verdient wird, und darauf wartet, dass Zeit und wirtschaftliche Realität den Rest erledigen. Wie Munger sagte:

All intelligent investing is value investing – acquiring more than you are paying for. You must value the business in order to value the stock.

Charlie Munger

Alle intelligente Investition ist Value Investing: mehr erwerben, als man bezahlt.

— Charlie Munger